Das Leben jenseits der Dreißig

In Alle anderen fragt sich ein Paar, ob es schon spießig geworden ist Von Nadine Gottmann

Es passiert selten, dass man im Kino etwas sieht, das unmittelbar an das wahre Leben erinnert. Alle Anderen von Regisseurin Maren Ade ist einer dieser Filme, die einen weder umhauen noch schocken. Er bietet keinen Aha-Effekt und keine spektakuläre Story, sondern zeigt realistisch, wie sich Beziehungen jenseits des Uni-Lebens entwickeln können. Gitti und Chris sind ein Paar Anfang Dreißig, sie ist Bandmanagerin, er Architekt. Sie verbringen einen gemeinsamen Urlaub auf Sardinien und geraten dabei in einen Beziehungskonflikt. Gittis Wunsch nach Kindern, Chris' Verschlossenheit und die räumliche Nähe bergen Konflikte, die unter der Oberfläche brodeln und nie eindeutig ausgesprochen werden. Keine Midlife-, sondern eine Thirtysomething-Crisis wird in dem subtilen Drama der jungen Münchener Regisseurin verhandelt: Wo steht man als relativ gut situierter Dreißigjähriger? Ist man noch jung, oder tritt man bereits in die Fußstapfen der spießigen Eltern? Ist es an der Zeit, bodenständig zu werden oder nutzt man die letzte Gelegenheit, noch einmal etwas zu riskieren? Hat man seinen Platz im Leben gefunden oder orientiert man sich immer noch an den anderen? Vor allem Chris leidet unter großem Leistungsdruck, der zum Vorschein kommt, als er auf der Insel durch Zufall seinem Kollegen Hans über den Weg läuft. Hans und seine Freundin verkörpern das scheinbar perfekte Paar. Sie stoßen Chris und Gitti auf Unzulänglichkeiten in ihrer eigenen Beziehung und lassen sie an ihrer gemeinsamen Zukunft zweifeln. Alle Anderen lebt von der Authentizität, die er einem tollen Drehbuch und dem hervorragenden Spiel von Birgit Minichmayr und Lars Eidinger zu verdanken hat. Für ihre darstellerische Leistung wurde Minichmayr mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Der Film berührt seine ZuschauerInnen mit einer Atmosphäre, die an die Filme der französischen Nouvelle Vague erinnert.