Wenn Babys fliegen

Der Film Ricky kann sich zwischen Sozialdrama und Groteske nicht entscheiden. Von Nadine Gottmann

In der ersten Hälfte von François Ozons neuem Film Ricky fühlt man sich gut aufgehoben in einem soliden kleinen Sozialdrama. Ruhig und realistisch erzählt er vom Alltag der alleinerziehenden Katie und ihrer siebenjährigen Tochter Lisa. Katie hat zwar wenig Geld, aber sie bringt ihre Tochter jeden Tag mit dem Moped zur Schule. Lisa macht dafür morgens Frühstück. Das Verhältnis der beiden ändert sich aber, als ein Mann in Katies Leben tritt. Eine gemeinsame Pausen-Zigarette, ein Quickie auf der Fabrik-Toilette, kurz darauf zieht Arbeitskollege Paco bei Katie ein. Und die beiden erwarten ein Baby. Von da an wird der Regisseur von 8 Frauen und Swimming Pool wieder einmal seinem Ruf gerecht. Denn mit einem im wahrsten Sinne des Wortes aus der Luft gegriffenen Wendepunkt löst er seine ursprüngliche Erzählweise auf und beginnt sozusagen einen zweiten Film, womit er sicherlich einige ZuschauerInnen vor den Kopf stößt. Ricky, dem neugeborenen Kind des Paars, wachsen nämlich Flügel. Damit wandelt der Film, der in der ersten Hälfte einen schlichten und eher bedrückenden Ton anschlägt, auf einmal zwischen Tragikkomödie und Groteske. Offensichtlich kann er sich nicht entscheiden, ob er die ZuschauerInnen zum Schmunzeln bringen, Medienkritik üben oder die Schwierigkeiten des Lebens mit einem "abnormalen Kind" darstellen will. Hätte man die Flugversuche des Babys technisch besser realisiert, wäre es vielleicht weniger schwierig gewesen, der Geschichte weiterhin zu folgen. In manchen Einstellungen sieht man sogar die Aufhängung, an der das Kind hochgezogen wird. So kann man Ricky leider nicht mehr ernst nehmen. Auch der Storyverlauf ist in der zweiten Hälfte so wechselhaft, dass einem das Lachen gelegentlich im Hals stecken bleibt. Die zwei niedlichen KinderdarstellerInnen Mélusine Mayance und Arthur Peyret können Ricky leider nicht retten. Dieser eigenwillige Film ist höchstens Fans skurriler französischer Filme zu empfehlen.