Vorort der Geistigkeit

Am 5. April 2005 jährt sich zum siebzigsten Mal die Einweihung des Hauptgebäudes der Kölner Universität. Von Andrew MacNeille

Nach der Gründung der Kölner Universität 1919 war ihr zunächst ein beengtes Dasein in mehreren Gebäuden in der Südstadt (heute Fachhochschule Köln) beschieden. Eine der sprunghaft ansteigenden StudentInnenzahl adäquate Lösung wurde zum vordringlichen Problem. Die Grüngürtelplanung Fritz Schumachers von 1923 bot den geeigneten Standort für ein großzügig angelegtes Universitätsviertel. Auch die Nähe zu den medizinischen Einrichtungen der »Lindenburg« sprach für diesen Standort. Von den ursprünglichen Plänen eines geschlossenen Viertels mit einer Universitätsstraße zu den Kliniken wurde nur das Hauptgebäude selbst verwirklicht. Der Entwurf zu diesem monumentalen Bauwerk stammte von Schumachers Nachfolger Adolf Abel. Ursprünglich sollte das Gebäude noch größer werden, mit zwei weit ausgreifenden Institutsflügeln und einem »Bücherturm«.

Am 26. Oktober 1929 wurde der Grundstein zum neuen Universitätsgebäude gelegt. Die Urkunde hofft: »Kölns Bürgerschaft, die in schwerster Zeit ernste Opfer bringt um der Jugend und der Wissenschaft willen, und die Männer, der Mitarbeit am Werk gewürdigt, hegen gemeinsames Vertrauen, uralt fruchtbarer rheinischer Stadtboden werde auch künftig abermals ein Vorort deutscher Geistigkeit, Arbeit und Gesittung sein, wo zeitlebendiges Wirken Wege in hohe Zukunft weise und aus unverbrauchten Kräften des Volkstums dem deutschen Gesamtvolke Führer, Helfer und echte Freunde heranbilde zu künftiger Wiedererstehung.« Am 5. April 1935 konnten bereits »echte Freunde« des »deutschen Gesamtvolkes« die Einweihung vornehmen.

Das Hauptgebäude besteht im Wesentlichen aus zwei lang gestreckten, parallelen Trakten, deren vorderer entlang des Albertus-Magnus-Platzes überwiegend die Verwaltung aufnimmt, und von deren hinterem sechs Seminarflügel zum Grüngürtel hin vorspringen. Verbunden werden die beiden Trakte durch große Hörsäle und die zentrale Aula. Es scheint heute unglaublich, dass das Hauptgebäude einmal alle wichtigen Einrichtungen aufnehmen konnte, darunter bis 1967 die Universitätsbibliothek.

Baugeschichtlich ist das Hauptgebäude der eher konservativ geprägten »Stuttgarter Schule« zuzuordnen, die anders als der radikal innovative Bauhaus-Stil nach zeitlosen Formen strebt. Insgesamt vereinen sich hier traditionelle und moderne Motive. Konservativ wirken die auf Repräsentation abzielende Anlage des Haupteinganges als Porticus, die Verkleidung aller Fassaden mit graubraunen Steinplatten, das traditionelle Motiv der Fensterkreuze und das insgesamt eher schlossartige Auftreten der Anlage insbesondere in der Ansicht zum Grüngürtel mit der astronomischen Uhr. Modern wiederum wirken die abgeflachten Dächer sowie die starke Durchfensterung der kubischen Baukörper und die innere Struktur mit einem Rasternetz aus Eisenstützen und dazwischen gespannten Leichtbauwänden. Letzteres sollte eine flexible Raumorganisation ermöglichen. Zweckmäßigkeit und Leistungsfähigkeit waren die Leitbilder des Gebäudes. Auf aufwändigen und repräsentativen Bauschmuck, der vor dem Ersten Weltkrieg noch alle öffentlichen Bauten zierte (in Köln etwa das Oberlandesgericht), wurde bewusst verzichtet. Als besonders modern wurde auch ein heute als selbstverständlich geltendes Detail gewürdigt: das Vorhandensein von Erfrischungsräumen.

Andrew MacNeille hat Anfang 2005 seine Promotion in Architekturgeschichte abgeschlossen.