Schiffbruch mit Tiger

Von Hartmut Schwarz

Pi Patel, eigentlich Piscine Molitor Patel, denn er ist nach dem Pariser Lieblingsschwimmbad seines Onkels benannt, der Held des Buches, Sohn eines Zoobesitzers in einer indischen Stadt, ist mit fünfzehn Jahren gläubiger Hindu, Moslem und Christ. Seine Kindheit im Zoo, mit den wilden Tieren sozusagen als Familienmitgliedern, und wie es zu seiner ungewöhnlichen spirituellen Entwicklung kommt, schildert der erste Teil des Buches. Hier zeigt sich der Autor nicht nur als Kenner der Verhaltensbiologie im Zoo, sondern er erweist sich auch als witziger Erzähler mit einem skurrilen Humor, den man unwillkürlich mit Salman Rushdie zu vergleichen versucht ist. Als die Familie wegen immer größer werdender wirtschaftlicher Schwierigkeiten nach Kanada auswandern will, schifft sie sich mit einigen der Zootiere im Gepäck auf einem japanischen Seelenverkäufer ein. Das Schiff sinkt und der Held findet sich als einziger Überlebender zusammen mit Richard Parker, einem bengalischen Königstiger in einem kleinen Rettungsboot wieder. Es beginnt eine monatelange Irrfahrt mit schwindenden Reserven, unter ständiger Bedrohung durch den ungezähmten tödlichen Reisegefährten. Wie es Pi und Richard Parker doch noch bis an die rettende mexikanische Küste schaffen, entfaltet sich als ein atemberaubend spannender Überlebenskampf, bald mit- bald gegeneinander. Als Pi später seine Geschichte japanischen Versicherungsagenten nochmals erzählt, entzieht der Autor auch den LeserInnen den festen Grund unter den Füssen…

Dieses Buch ist eine witzige Entwicklungsgeschichte und ein spannender Abenteuerroman mit doppeltem Boden, den man auch als große Parabel auf das Zusammenleben völlig verschiedener Wesen lesen kann. Ein intelligentes, unpathetisches Plädoyer für Verständnis und Achtung gegenüber anderen. Im letzten Jahr gewann der Roman überraschend gegen eine große Konkurrenz den Booker-Prize, den wichtigsten Publikumspreis englischsprachiger Literatur

Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger, Frankfurt, Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2003, 19,90 Euro.