Die Mutanten des Kreml

Erfahrungsbericht aus einem gefährlichen Leben Von Kathrin Ohlmann

Die russische Journalistin und Autorin Elena Trebugova lebt seit Anfang des Jahres im Exil in London. Das hat sie nicht zuletzt ihrem erstmals 2003 auf Russisch erschienenen Buch Die Mutanten des Kreml. Mein Leben in Putins Reich zu verdanken. Darin schreibt sie von ihrer Karriere als Kreml-Journalistin in der Jelzin-Ära sowie dem erzwungenen Ende ihrer journalistischen Tätigkeit nach Wladimir Putins Aufstieg vom Vorsitzenden des Russischen Geheimdienstes an die Spitze der Regierung. Sie stellt dar, wie Putin die begonnenen Reformen Boris Jelzins rückgängig machte, Presse, Politik und Wirtschaft immer weiter einschränkte und nach und nach demokratische Institutionen aushebelte. Trebugovas Buch erregte in Russland großes Aufsehen. Minister wurden deswegen entlassen, Trebugova verlor ihre Stelle bei der großen Moskauer Tageszeitung Kommersant und entging 2004 nur knapp einem Bombenattentat in ihrem Moskauer Wohnhaus. Sie schreibt, dass ihr Buch ihre eigene Zeitung sei, denn aus Zensurgründen könne sie ihre kritischen Berichte über die Regierung und Staatschef Putin in keiner russischen Zeitung mehr veröffentlichen. So verfasste sie in wenigen Wochen dieses Buch über Medienzensur in Russland und ihre Erfahrungen als politische Journalistin. Trebugova ist eine Aufsteigerin: Schon in der Schule politisch und journalistisch engagiert, wird sie mit Mitte zwanzig in den Pool der Kreml-JournalistInnen aufgenommen und begleitet Boris Jelzin auf seinen Regierungsreisen. Sie berichtet in ihrem Buch über Jelzins Niedergang und Putins Aufstieg. Dabei erschließen sich viele Zusammenhänge zwischen wichtigen Ereignissen der vergangenen Jahre wie dem Tod des ehemaligen Spions und Putin-Gegners Alexander Litwinenko und der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja. Die Autorin lässt die LeserInnen teilhaben am Prozess ihrer eigenen Bewusstwerdung über die Gefahr, in der sie sich befindet. Der naive Gedanke, dass ihr trotz ihrer regierungskritischen Berichte in Moskau nichts passieren könne, weicht nach ständiger Überwachung, Drohungen und schließlich dem Mord an der Kollegin Politkowskaja dem Plan zur Flucht ins britische Exil. Der Einblick in die Realität der zunehmenden Entdemokratisierung in Russland ist ebenso interessant wie erschütternd. Das Buch ist größtenteils spannend und einfach geschrieben, störend sind nur die gelegentlichen Eitelkeiten der Autorin. Am Ende des Buches hält Trebugova ein Plädoyer an die westlichen Regierungen: Sie fordert dazu auf, Menschenrechtsverletzungen vonseiten Russlands zu benennen und zu sanktionieren und nicht schweigend Wirtschaftsbeziehungen zu pflegen und auszubauen.