Viel wurde in den letzten Wochen über den deutschen Ableger der schwedischen Piratpartiet geschrieben. In die Schlagzeilen geriet die Partei, als der SPD-Abgeordnete Jörg Tauss zu ihnen wechselte, nachdem seine Fraktion im Bundestag für die Internetsperre stimmte. Tauss, gegen den wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material ermittelt wird, legte beim Bundesverfassungsgericht Beschwerde gegen das Gesetz ein. Sein Parteiwechsel wurde von vielen PiratInnen bejubelt.
Artikel zu Funk, Fernsehen und Musik
stichwort: piratenpartei
Tragen die PiratInnen ihre Augenklappen rechts? Die junge Partei ringt um ein politisches Profil. Von Carolin Wedekind
Geburt aus dem Geiste der Ohnmacht
Superman wird 70 Jahre alt. Damit ist er eine der beständigsten Figuren amerikanischer Ikonografie und wird das wohl auch weiterhin bleiben. Von Thomas Hemsley
Wer hat nicht schon davon geträumt zu fliegen, einen Röntgenblick zu haben oder unverwundbar zu sein? Wer wünscht sich nicht, einmal ein Held sein zu können? Wer wollte nicht mal den Problemen des Alltags mit großer Macht entgegentreten können – oder einfach nur entfliehen?
Brüder im Tod
In einem neuen Theaterstück verschmelzen Kurt Cobain und Hamlet zu einer fiktiven Figur, die sich zwischen Verzweiflung und Lebenslust bewegt. Von Christina Grolmuss
Bis zur Premiere von To be or not to be bleibt nicht mehr viel Zeit. Die SchauspielerInnen versammeln sich im Keller der Studiobühne. Auf einem Blatt Papier an der Tür steht in großen Buchstaben »Schmiede«. Eine wirkliche Bühne gibt es hier nicht. Auf dem Boden liegt ein Dutzend alter Matratzen, dazwischen eine akustische Gitarre, in der Ecke langweilt sich ein ungenutzter Mikrofonständer.
Hinter der Weißen Rose
Ein Hörbuch erklärt des geistige Umfeld der Widerstandsgruppe. Von Verena Risse
Was kann man von einem Hörspiel erwarten, das den Titel Harter Geist und weiches Herz. Das intellektuelle Umfeld der Weißen Rose trägt und in einem Verlag für philosophische Hörbücher verlegt wird? Sehr viel, vor allem Ungekanntes und Ungeahntes. Denn die Autorin Barbara Ellermeier zeigt die Mitglieder der Weißen Rose nicht nur als HeldInnnen des Widerstandes oder MärtyrerInnen, die für die Freiheit gestorben sind. Vielmehr geht es ihr um deren philosophische, theologische und literarische Gedanken sowie die Begegnungen mit KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen, welche die Münchener Studierenden prägten und den ideologischen Hintergrund für ihr Handeln bildeten. Somit handelt das Hörspiel nicht – wie der Titel zunächst suggeriert – nur vom intellektuellen Umfeld der Weißen Rose. Es schließt auch die Werke ein, die die Mitglieder privat lasen oder in Lesekreisen besprachen.
Duell der Unizeitschriften
Nächstes Jahr erscheinen zwei neue Magazine von Studierenden der Uni Köln. Von Maximilian Waclawczyk
Es geschieht nicht alle Tage, dass die journalistische Landschaft der Uni Köln eine neue studentische Zeitschrift bekommt. Anfang kommenden Jahres feiern jedoch gleich zwei aus studentischen Eigeninitiativen geborene Zeitschriften ihr Debüt: Sicht.Felder und meins. Beide wollen sich teils durch WerbepartnerInnen, teils über einen geringen Verkaufspreis finanzieren.
Kampf dem Verdummen
In seinem neuen Film prangert Hans Weingartner die Messung der Einschaltquoten an. Seine Recherche hat aber Lücken. Von Julia Eva Fröhlich
Hans Weingartners neuer Film Free Rainer hat wie sein Vorgänger Die fetten Jahre sind vorbei einen gesellschaftskritischen Anspruch. Diesmal hat sich der Regisseur das Medium Fernsehen vorgeknöpft. In Free Rainer werden die Privatsender als Bösewichte dargestellt, die durch die konstante Ausstrahlung anspruchsloser Sendungen die ZuschauerInnen so lange an qualitativ minderwertiges Fernsehprogramm gewöhnt haben, bis diese Gefallen daran fanden. Deshalb erfreuen sich diese Sender konstant hoher Einschaltquoten.
stichwort: ermittlung der einschaltquoten
Von Julia Eva Fröhlich
Die Nürnberger Gesellschaft für Kosumforschung (GfK) ermittelt im Auftrag von ARD, ZDF, RTL und der ProSiebenSat.1 Media AG die ZuschauerInnenzahlen im deutschen Fernsehen. MigrantInnen werden nur dann in die Erhebung einbezogen, wenn sie EU-BürgerInnen sind. Denn das in Deutschland eingesetzte System für bevölkerungsrepräsentative Stichproben berücksichtigt nur den Bevölkerungsteil mit einer Wahlberechtigung bei kommunalen Wahlen. Nicht-EU-BürgerInnen sind davon ausgeschlossen. KritikerInnen der Quotenerfassung weisen darauf hin, dass die Erfassung der Daten, auf denen die Quoten basieren, fehleranfällig sei.
»Es gibt keine Kölner Comic-Szene«
Der Kölner Illustrator Leo Leowald zeichnet seit drei Jahren den täglichen Webcomic Zwarwald. Seine Strips erzählen Episoden aus seinem Leben, wie beispielsweise von einem verkaterten Blick in den Spiegel. Von Carolin Wedekind
Leo Leowald veröffentlicht auf zwarwald.de täglich einen autobiografischen Comicstrip. Mit der philtrat sprach er über seinen Webcomic, die deutsche Comic-Szene und linke Nischenmedien.
Was ist das Besondere an Zwarwald?
Ewig im Rampenlicht
Das Internet vergisst nichts. Ein Medienrechtler fordert deshalb, dass Daten automatisch gelöscht werden müssen. Von Julia Groth
Wenn Ghyslain Raza in zehn Jahren das Haus verlässt, kann es sein, dass immer noch Menschen auf ihn zeigen und lachen. Denn Raza, besser bekannt als das »Star Wars Kid«, genießt einen zweifelhaften und vor allem unfreiwilligen Ruhm. Im Jahr 2002 filmte sich der damals 14-jährige Kanadier dabei, wie er einen Golfballsammler schwang wie ein Lichtschwert aus den Star Wars-Filmen. Klassenkameraden fanden das Video und luden den Kurzfilm ohne Razas Wissen ins Internet, wo Millionen Menschen über den pummeligen Teenager lachten – und es gelegentlich immer noch tun.
Aufstand der Ja-Sager
Die politische Aktivistengruppe The Yes Men sorgt mit ungewöhnlichen Aktionen regelmäßig für Aufsehen. Zuletzt propagierten zwei ihrer Mitglieder einen Brennstoff aus Leichen. Von Gregor Leyser
Die Erwartungen der BesucherInnen der Ölmesse im kanadischen Calgary Mitte Juni waren hoch. Zwei vermeintliche Repräsentanten der US-amerikanischen Mineralölindustrie hatten sich angekündigt, um über die Zukunft der Energiepolitik zu sprechen. Sie hatten wichtige politische Bekanntmachungen versprochen. Aufsehen erregend waren die Redebeiträge der sich als Shepard Wolff und Florian Osenberg vorstellenden Herren dann tatsächlich. Mit ihren Vorschlägen zur Lösung der Energiefrage hatte wohl niemand gerechnet.
Girls just wanna have fun
Mitte Mai lief in den USA die letzte Folge der Fernsehserie Gilmore Girls. Von Thomas Hemsley
Am 15.Mai wurde in den USA die letzte Folge der Fernsehserie Gilmore Girls ausgestrahlt. Ihre Fans schätzen vor allem den Humor und die vielen popkulturellen Anspielungen und sehen die Serie als ein Musterbeispiel für intelligente Unterhaltung. Auch das überdurchschnittlich schnelle Sprechtempo und die vielen Dialoge heben Gilmore Girls von ähnlich konzipierten Serien ab.
Zurück zur Vielehe
Von Alexandra Streck
Das kirgisische Parlament hat angekündigt, über einen Gesetzesentwurf zu diskutieren, der Polygamie wieder erlaubt. Diese wurde zu Sowjetzeiten verboten. Gegenwärtig sieht der entsprechende Artikel des kirgisischen Strafgesetzbuches für Polygamie bis zu zwei Jahre Haft vor. Hintergrund der geplanten Diskussion ist, dass Polygamie trotz des Verbots im Land praktiziert wird und die Zahl der Vielehen in den letzten Jahren gestiegen ist. Darüber hinaus könne so das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen ausgeglichen werden, argumentiert Justizminister Marat Kajpow.
Schweizer Invasion
Von Beate Schulz
Anfang März sind Schweizer Soldaten in den Nachbarstaat Liechtenstein einmarschiert. Laut eines Schweizer Militärsprechers hatte sich der 170 Mann starke bewaffnete Trupp bei einem Manöver in den Alpen verlaufen.
»Bedenkliches Desinteresse«
Die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs finden in Deutschland zu wenig Beachtung – dafür rücken die deutschen Vertriebenen immer mehr in den Mittelpunkt, sagt der Polen-Experte Oliver Hinz. Von Kathrin Ohlmann
Die Diskussion darüber, wie viel Mitgefühl man deutschen Vertriebenen spenden darf, ohne Opfermythen zu bedienen, hat durch den Fernsehfilm Die Flucht neue Nahrung bekommen. Für die philtrat sprach Kathrin Ohlmann mit dem freien Journalisten und Experten für deutsch-polnische Beziehungen Oliver Hinz über die Klagen deutscher Vertriebener und die Befürchtung vieler Polen, ihren Landbesitz an Deutsche zu verlieren.
Stichwort: Vertriebenenpolitik
Von Kathrin Ohlmann
Fernseh-Zweiteiler Die Flucht
Anfang März haben über zehn Millionen ZuschauerInnen in Deutschland den ARD-Zweiteiler Die Flucht gesehen. Fiktional stellt er die Vertreibung Deutscher aus Ostpreußen dar, indem er die Geschichte einer ostpreußischen Gräfin erzählt, die im Winter 1944/1945 vor der nahenden Front flüchtet und einen Flüchtlingstreck aus Ostpreußen nach Bayern anführt. Die Presse reagierte überwiegend positiv auf die Produktion und begrüßte sie als willkommenen Impuls für eine nationale Debatte über die Leiden der deutschen Vertriebenen.
Frauen an die Wahlurnen
Das Bonner Frauenmuseum zeigt noch bis Mitte April die Ausstellung »Mit Macht zur Wahl«. Mit historischen und künstlerischen Exponaten beleuchtet sie die Geschichte des Frauenwahlrechts in Europa. Von Kathrin Ohlmann
»Die Frau, die denkt, ist gleich dem Manne, der Rot auflegt – lächerlich.« Das Schild mit Lessings Zitat sticht den BesucherInnen sofort ins Auge, wenn sie den ersten Ausstellungsraum betreten. Es gehört zu einer Sammlung von Schildern, Fotografien und Kleidungsstücken, die mit Sicherheitsnadeln und Schnüren an einem bunten Metallgefährt befestigt sind. Die Exponate sollen die Lebenswirklichkeit der Frauen im 18. und 19. Jahrhundert näher bringen. Die Künstlerin Ulrike Oeter nennt ihr Werk »mobiles Straßenmuseum«, denn es steht nicht nur zur Ansicht im Frauenmuseum. Oeter geht mit dem Wagen, den sie auch als »Gedächtnis auf Rädern« bezeichnet, des Öfteren auf Tour durch die Bonner Innenstadt, um mit PassantInnen ins Gespräch zu kommen.
Kotzender Müntefering
Erik Gedeons Theater-Parodie über die Großen Koalition kann nicht überzeugen. Von Christina Rietz
Ein fauler Gesundheitskompromiss, eine fiese Mehrwertsteuererhöhung und eine Debatte über die Gesichtsbehaarung von Hartz-IV Empfängern. Die Große Koalition liefert genügend Stoff für eine Satire, die das Absurde im politischen Alltag geißelt. Erik Gedeons Versuch einer Politsatire startete unlängst im Düsseldorfer Schauspielhaus. »Große Koalition – Das Kanzleramt wie es singt und lacht« ist ein Liederabend in bewährter Gedeon-Manier, bei dem sich eine Ansammlung bekannter Schlager und Popsongs um eine recht dünne Geschichte gruppiert, die von überzeugenden SchauspielerInnen vorgetragen wird.
Vernetzte Comic-Kultur
Dank der Möglichkeiten des Internets haben sich Webcomics seit ihren Anfängen Mitte der Neunzigerjahre rasant verbreitet. Eine Subkultur unter der Lupe. Von Thomas Hemsley
Nach Feierabend wollen sich die Mitarbeiter eines Kinos einen Film über ComputerspieltesterInnen ansehen. Stattdessen nutzen sie die technischen Möglichkeiten des Kinos, um ein Spiel auf der großen Leinwand zu spielen. Diese Szene findet sich in Gordon McAlpines nur im Internet veröffentlichten Comic Multiplex. Das letzte Panel des Strips zeigt die Kinomitarbeiter in der ersten Reihe sitzend und mit lautstarker Begeisterung spielend. In diesem Bild vereinen sich die Interaktivität von Computerspielen, die überwältigende ästhetische Erfahrung des Kinos und die Konzentration komplexerVorgänge in simplen Comic-Bildern.
Der schneller schrieb als sein Schatten
René Goscinny erlangte als Comic-Autor weltweite Berühmtheit. Er textete für bekannte Comicserien wie Asterix und Lucky Luke. Fast dreißig Jahre nach seinem Tod ist er immer noch unvergessen. Von Thomas Hemsley
Herauszufinden, wie viele EuropäerInnen mit Goscinnys Werken, vor allem den Asterix-Geschichten, lesen gelernt haben, wäre sicher eine Umfrage wert. Fest steht jedenfalls, dass er zu den meist gelesenen AutorInnen Europas gehört.
Der Tod geht auf Tournee
Eine Ausstellung im Museum Schnütgen zeigt Bilder von Tod und Sterben. Von Claudia Drenske
»Vielleicht kannst du sie ja endlich zum Schweigen bringen…« – so könnte man die Bildunterschrift eines der Gemälde von Thomas Rowlandson aus der Bilderreihe »The English Dance of Death« frei übersetzen. Eine keifende und zeternde Frau wird vom Tod fortgeführt. Der hat es offenbar nicht leicht, denn die Frau ist recht muskulös. Ihr Ehemann scheint froh zu sein, endlich seine Ruhe zu bekommen. Diese etwas makabere Darstellung des Todes ist nur ein kleiner Teil der Ausstellung »Zum Sterben schön«, die derzeit im Museum Schnütgen zu sehen ist.

