Alle paar Monate muss Matthias Schakat seinen Wohnort wechseln. Dazu zwingt ihn sein Studium des Steuer- und Prüfungswesens. Auf drei Monate Theorieunterricht an der Berufsakademie Dresden folgt eine zweimonatige Praxisphase in Erfurt. An beiden Orten benötigt Schakat eine Unterkunft. In keiner der beiden Städte lohnt es sich jedoch für ihn, dauerhaft ein Zimmer zu mieten. Der 19-jährige Student könnte sich von einer Zwischenmiete zur nächsten hangeln – aber alle drei Monate auf Wohnungssuche zu gehen, ist mühselig. Zuletzt hatte Schakat jedoch Glück: Mit dem Internationalen Gästehaus besitzt Dresden eine Einrichtung, die auf Studierende wie ihn zugeschnitten ist. »Zuerst habe ich mir überlegt, ein WG-Zimmer zu nehmen und es immer wieder unter zu vermieten«, sagt der zukünftige Steuerberater. Doch dann ist er auf das Angebot des Gästehauses gestoßen – und kurze Zeit später eingezogen.
Artikel der Rubrik Lebenswelt
Ein Heim für Zugvögel
In Gästehäusern wie dem in Dresden können Studierenden und PraktikantInnen für wenig Geld kurze Zeit wohnen. Von Max Lebsanft
Indien und Pakistan versöhnlich
Von Laura Reina
Im indischen Neu-Delhi diskutierten im Januar drei Tage lang indische und pakistanische KünstlerInnen, MenschenrechtlerInnen, AkademikerInnen, PolitikerInnen, MedienvertreterInnen und FriedensaktivistInnen darüber, wie der Streit der beiden Länder in naher Zukunft gelöst und die Friedensverhandlungen wieder aufgenommen werden können.
Minderheit im Jemen attackiert
Von Laura Reina
Im Grenzgebiet zwischen dem Jemen und Saudi-Arabien töteten Mitte Januar Kämpfer des jemenitischen Shoulan-Stammes Mitglieder der Houthis, einer schiitischen Minderheit aus dem Nordwesten des Jemen. Wie viele Menschen getötet wurden, ist noch unklar: Während das saudische Militär ihre Zahl auf mehrere Hundert schätzt, spricht die jemenitische Regierung von zehn Getöteten. Der Shoulan-Stamm gilt als regierungstreu. Die jemenitische Regierung unterstellt den Houthis, finanzielle und militärische Zuwendungen aus dem Iran zu erhalten. JemenitInnen übten bereits mehrere Angriffe auf Angehörige der Houthis aus. Vor einem Angriff im vergangenen Jahr behauptete die jemenitische Regierung, Houthis hätten eine deutsche Familien und einen Briten entführt. Angehörige der Minderheit wiesen den Vorwurf zurück.
Mehr Suizide bei US-VeteranInnen
Von Anna Hölscher
Die Zahl der Selbstmorde von ehemaligen US-SoldatInnen hat drastisch zugenommen. Das amerikanische Ministerium für Kriegsveteranen berichtet für den Zeitraum von 2005 bis 2007 von einem Anstieg um 26 Prozent.
Immunität für Putschpräsidenten
Von Anna Hölscher
Das Parlament von Honduras hat seinen durch einen Putsch an die Macht gekommenen Präsidenten zum Abgeordneten auf Lebenszeit ernannt. Der Beschluss vom 13. Januar sichert Roberto Micheletti die strafrechtliche Immunität.
Entdeckungsreise durchs Belgische Viertel
Kurze Tage, zu lange Nächte. Raus an die Luft zum alternativ-kreativen Einkaufsbummel. Von Kathrin Heinen
Draußen ist es kalt und feucht. Drinnen machen Fernsehgeflimmer und trockene Heizungsluft depressiv.
Eigentlich ist jetzt die Zeit, mit dickem Wollschal und buntem Regenschirm, in gefütterten Stiefeln und warmem Mantel romantische Spaziergänge durch den Park zu unternehmen und mit dem seit Monaten extra für diesen Anlaß gesammelten Altbrot Schwäne zu füttern.
Die Liebe in den Zeiten der Wirtschaftskrise
Das Schauspiel Köln zeigt die Tragödie Kasimir und Karoline von Ödön von Horváth. Von Kathrin Heinen
Weltweit herrscht die Finanzkrise und in München ist Oktoberfest. Kasimir ist gerade arbeitslos geworden und Karoline will feiern. Die beiden streiten, gehen auseinander, wollen zueinander, scheitern.
Nachts in der Uni für’n guten Zweck?
Dafür und dagegen XII: Hörsäle besetzen – Ja oder Nein? Von Julia Groth und Johanna Böttges
dafür
Wer ist dafür? Dagegen? Wer enthält sich? Ich hebe meinen Arm und stimme mit ab. Ich werde gesehen, gehört und erfahre: Meine Stimme zählt. Wenn ich will und kann, zweimal am Tag, im Plenum, der Versammlung für alle Interessierten, UnterstützerInnen, Unentschlossenen und KritikerInnen des Bildungsstreiks. Das Plenum ist offene, faire und natürlich nicht immer fehlerfreie Diskussionskultur, die mich Demokratie wieder (oder erstmals?) spüren lässt. Wo gibt es Raum dafür?
Blutwurst mal anders
Studierende haben für das Unifernsehen ZuckerTV ein Kochduell mit unkonventionellen Zutaten entwickelt. Von Nadine Gottmann
Fruchtzwerge, Blutwurst, Erdbeeren, Kichererbsen, Wasabipaste und Sambuca. So manchen Studierenden, die ihr Essen lieber in der Mensa zu sich nehmen, als selbst den Kochlöffel zu schwingen, würde es schon schwer fallen, eine einzige dieser Zutaten in einer bekömmlichen Mahlzeit unterzubringen. Aber eine Mahlzeit, die fast nur aus diesen Lebensmitteln besteht? Das ist entweder unmöglich. Oder aber »Satansbraten – the next competition«, die gemeinste Kochshow der Welt.
Partys für linke Kultur
Die Kölner Kampagne Pyranha fordert mit kreativen Aktionen ein autonomes Zentrum. Erfolg hat sie bisher kaum. Von Nambowa Mugalu und Max Lebsanft
Pinke Kostüme, rote Fahnen, ein orangefarbenes Banner mit der Botschaft »We still loving squats« (Wir mögen besetzte Häuser) – mehr als 500 Menschen demonstrierten Mitte Oktober in Köln für ein autonomes Zentrum. Mehr als 500 DemonstrantInnen zogen vom Kölner Rathausplatz in den Stadtteil Kalk. Ganz ungestört verlief die Demonstration jedoch nicht: Am Deutzer Bahnhof kam es zu einem Zusammenstoß mit der Polizei. »Wir saßen auf dem Boden, und plötzlich wurden wir getreten und geschlagen«, berichtet eine Teilnehmerin im Internetblog der Kampagne Pyranha. »Besonders das mit dem Pfefferspray war unglaublich! Hier waren auch Leute mit Babys!«
CIA lässt im Web 2.0 schnüffeln
Von Nambowa Mugalu
Die CIA beteiligt sich an einem Unternehmen, das Internetplattformen nach Informationen über die User durchsucht. Das Investment-Unternehmen der CIA, In-Q-Tel, investiert bereits in mehrere Unternehmen, die sich mit neuen technologischen Lösungen befassen, darunter auch solchen aus dem Sicherheitsbereich.
BH-Trägerinnen ausgepeitscht
Von Max Lebsanft
In Somalia haben Islamisten der Al-Shabaab Bewegung Frauen öffentlich ausgepeitscht, weil sie Büstenhalter trugen. AugenzeugInnen berichteten, dass maskierte und bewaffnete Männer im Norden der Hauptstadt Mogadischu gezielt nach Frauen Ausschau hielten, die einen BH trugen.
Affenversuche gehen weiter
Von Max Lebsanft
Die Universität Bremen darf weiter umstrittene Versuche an Affen vornehmen. Das Verwaltungsgericht entschied vor kurzem in einem Eilverfahren, dass die Experimente mit Makaken-Affen zulässig sind. Nach Kritik von TierschützerInnen hatte die ihre Genehmigung für die Versuche im vergangenen Jahr nicht verlängert.
Protest gegen Griffins BBC-Auftritt
Von Elisa Moll
Etwa 500 Menschen demonstrierten Ende Oktober vor dem Sitz der britischen Rundfunkanstalt BBC in London gegen den Auftritt des rechtsextremen britischen Politikers Nick Griffin in einer Polit-Sendung. Darin wies er Vorwürfe, ein Holocaustleugner zu sein zurück.
Kein Raum für das Gedenken
Die jüdische Gedenkstätte Jawne könnte aus ihren Räumlichkeiten vertrieben werden. Schuld daran sind hohe Mietforderungen der Allianz. Die BetreiberInnen setzen sich zur Wehr. Von Max Lebsanft
Früher stand auf dem Schulhof des Jawne-Gymnasiums in der Nähe des Friesenplatzes eine alte Kastanie. Auch heute steht am selben Platz ein ausladender Laubbaum. »Manche sagen, es sei der Original-Baum«, erzählt Adrian Stellmacher. »Aber das kann natürlich nicht sein.« Denn das ehemalige Schul- und Synagogengelände wurde während des Zweiten Weltkrieges zerstört. Stellmacher kennt sich aus mit diesem geschichtsträchtigen Ort: Seit 2006 arbeitet der Pädagoge ehrenamtlich für den Arbeitskreis »Lern- und Gedenkort Jawne«. Jawne war von der Gründung 1919 bis zur Schließung im Jahr 1941 das einzige jüdische Gymnasium im Rheinland. Heute gibt es an derselben Stelle eine Gedenkstätte gleichen Namens.
Gespräche von der Straße
Ein Bus versorgt Hamburger Obdachlose nachts mit heißem Kaffee und Brötchen. Vielen von ihnen ist ein Gespräch mindestens genauso wichtig. Schön sind ihre Themen allerdings nicht. Von Julia Groth
Es ist kühl und windig, halb elf nachts, und der dicke, blasse Junge in dem weiten St.-Pauli-Kapuzenpulli und der kurzen Jeans sieht aus, als sei er gerade einmal zwölf. Viel älter kann auch die zugedröhnte Person neben ihm nicht sein – vielleicht ein Junge, vielleicht ein Mädchen –, trotz mehrerer Ringe in der Unterlippe. Hamburg, Helgoländer Allee, unter einer Brücke. Ein älterer Punk in Tarnfleckhose leuchtet mit einer Taschenlampe ein gutes Dutzend Menschen ringsum an, ein Ghettoblaster brüllt Punkmusik. Gäbe es NachbarInnen, würden sie sich beschweren. Es gibt aber keine. Nur den Mitternachtsbus.
Geld oder Ansehen?
Dafür und dagegen XI: Nach dem Studium noch eine Promotion anhängen – Ja oder Nein? Von Julia Groth und Max Lebsanft
dafür
Eine Promotion ist kein Spaziergang. Auch nicht für die, die durch ein Stipendium von Nebenjob und umfangreicher Lehrstuhlarbeit befreit sind. Und dennoch lohnt es sich, zu promovieren.
Ouvertüre
Von Redaktion
Der King of Pop ist tot, es lebe seine mediale Ausschlachtung. Auch wenn die Zahl derjenigen, die von sich behaupten können »Ich kannte Michael Jackson schon als er noch schwarz war« unter der geneigten LeserInnenschaft nicht mehr allzu groß sein dürfte, war »Jacko« wohl doch prägend genug für die bundesweite Studierendenschaft, um einen rapiden Anstieg der Jackson-bezogenen Gruppen im StudiVZ zu rechtfertigen. Natürlich wimmelt es in erster Linie von »Wir werden dich nie vergessen«-Titeln in der weltweiten Trauergemeinde. Kurios scheint allerdings, dass die »Erste offizielle Gedenkgruppe« ausgerechnet von einer inzwischen gelöschten Person gegründet wurde – da macht man sich ob der allgemeinen Hysterie schon Gedanken um den Verbleib des ersten offiziell trauernden Fans. Vor allem, wenn man herzergreifende Abschiedsbotschaften an »den größten Star dieser Erde« liest, in denen beteuert wird: »In Gedanken werde ich immer bei dir sein mein Schatz, in ewiger Trauer«. Man muss sich aber nicht allein ins stille Kämmerlein verkriechen. Besser ist es, man hält gemeinschaftlich Mahnwache am Kölner Dom. Da werden alle zu einer großen Familie, »die jedem Menschen hier die Pforte öffnet und willkommen heißt«, bei der »jedes schreiende Wort von Deinem trauernden Herzen« wahrgenommen wird und die auch den Angehörigen des »Engels, der jetzt seine Flügel hat« beweist: »You are not alone.« Bei soviel Rührseligkeit kann man aber auch die Einstellung jener nachvollziehen, die sich unter dem Motto »Wir wollen unsere Ruhe vom Michael Jackson Trauerrausch« zusammenschließen. Eine amüsante Note liefern da wenigstens die Spekulationen darüber, was das Leben nach dem Tod für einen King of Pop ausmacht. Posthume Aktivitäten beinhalten zum Beispiel die Rückkehr auf seinen Heimatplaneten und eine Festanstellung als Agent bei den MIB. Die naheliegendste Vermutung ist jedoch: »Michael Jackson ist Zahnarzt in Niederrad«. Wo auch immer Jackson jetzt seine Ruhestätte findet, es salutiert mit einem Moonwalk
„Ein indirektes Bedauern des Müssens“
Wie ein Historiker die Geschichte des Kölner Verlags M. DuMont Schauberg im Nationalsozialismus im Verlagsauftrag aufarbeitet. Von Pascal Beucker
Viele Juden beschäftigte er ohnehin nicht mehr. Ende 1935 beschloss Kurt Neven DuMont, auch den verbliebenen jüdischen Mitarbeitern zu kündigen. In einem Brief an den Leiter seines Berliner Büros schrieb der Kölner Verleger, er teile dessen Auffassung, „daß demnächst Volljuden, auch wenn sie jetzt noch als Kriegsteilnehmer Mitglied der Reichspressekammer sind, ausscheiden müssen“. Deswegen gelte es, zu handeln: „Da wir uns also auf die Dauer doch von den noch verbliebenen jüdischen Mitarbeitern trennen müssen, wir uns anderseits nicht nutzlos Angriffen aussetzen wollen, möchte ich schon jetzt versuchen auch für diese letzten Nichtarier Ersatz zu schaffen.“ Der Historiker Manfred Pohl liest aus diesem Dokument des vorauseilenden Gehorsams Erstaunliches: Für ihn hat sich Kurt Neven DuMont hier „mit einem indirekten Bedauern des Müssens“ über das Ausscheiden der jüdischen Mitarbeiter geäußert.
Happy Camping oder doch ins Hotel?
Dafür und dagegen X: Mit Zelt, Schlafsack und Kocher auf ins Campingleben - Ja oder Nein? Von Julia Groth und Katrin Gildemeister
dafür
Urlaub muss jeder irgendwann mal machen und wer campt, hat alle denkbaren Möglichkeiten. Oder auch die Qual der Wahl. Ob im eigenen Garten oder an einem verlassenen thailändischen Strand, in einem Campingwagen mit jedem erdenklichen Luxus inmitten Gleichgesinnter oder romantisch, abseits jeglicher Zivilisation im Einklang mit der Natur. Eines jedoch haben alle Campingurlaube gemeinsam: das Gefühl der Freiheit. Wer kennt nicht das Gefühl hinaus zu wollen, wegzulaufen vom zähen Alltag. Nur beim Camping beschleicht einen dieses andere Gefühl, das Gefühl der unbegrenzten Möglichkeiten. Unabhängig von sozialen Verpflichtungen und Normen kann man barfuss und dreckig durch die Welt laufen und völlig ungebunden über das Tagesprogramm entscheiden. Auch die Nähe zur Natur ist ein nicht zu vernachlässigender Pluspunkt – keine Betonmauern, die es verhindern, den zirpenden Grillen am Abend zuzuhören. Und die Stimmung beim Abendessen, wenn der weite Sternenhimmel sich über einem erstreckt, kann kein Hotel bieten. Das anschließende Einkuscheln in den Schlafsack, während die Natur rund um das kleine Zuhause langsam einschläft, ist ein weiteres Argument für Campingurlaub. Denn nie ist es friedlicher als in diesem Moment, wenn man das Leben um sich herum atmen hört und selbst ein Teil davon ist. Ob gesellig oder einsam, zu den aufgezählten Vorteilen kommt auch der unvergleichliche Preis hinzu. Billiger kann man kaum Urlaub machen und erholter, als nach ein paar Tagen oder Wochen mit Besinnung auf sich selbst als Naturwesen, kann man kaum sein. Nur wer aus dem Alltag mit all seiner Bequemlichkeit und all seinen Anforderungen ausbrechen kann, ist bereit, zurückzukehren. Denn nur wer loslassen kann, kann richtig festhalten.

