Buchbesprechungen

Kommt herunter, reiht euch ein...

Wer wirft denn hier mit Torten? Von Julia Groth

Soziale Proteste werden immer wieder totgesagt, und sind doch nicht totzukriegen. Das zeigen auch die jüngsten Proteste, die sich gegen Studiengebühren, kaum vorhandene Mitbestimmung an der Uni sowie die Ausgestaltung der Bachelor- und Master-Studiengänge richteten und unerwartet viele Studierende auf die Straße trieben. Wer dabei neu entdeckt hat, welches Potenzial gesellschaftliche Bewegungen haben können, kann sich in dem Buch Kommt herunter, reiht euch ein… Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen, herausgegeben von den Kulturwissenschaftlern Klaus Schönberger und Ove Sutter, darüber informieren.


Blankets

Erwachsenwerden zwischen Schneewehen. Von Julia Groth

So richtig warm will es einem bei der Lektüre von Craig Thompsons Comic Blankets nicht werden – und das Buch ist dick, sehr dick für einen Comic. Ständig ist Winter, überall liegt Schnee, und der Babysitter des jungen Craig und seines Bruders ist ein Kinderschänder. Als ob das nicht schon genug sei, sind Craigs Eltern fundamentalistische ChristInnen mit fragwürdigen Erziehungsmethoden, und in der Schule seiner kleinen und spießigen Heimatstadt im kalten US-Bundesstaat Wisconsin wird er als Außenseiter gemobbt. Wie es Thompson dennoch gelingt, ein vergleichsweise unbeschwertes Porträt seines Erwachsenwerdens zu zeichnen, das lässt sich kaum an Einzelheiten festmachen. Es muss ganz einfach zeichnerisches und erzählerisches Genie sein.


Kapitalismus

Von Julia Groth

Der Finanzkrise ist es zu verdanken, dass die Probleme des Kapitalismus wieder breiter diskutiert werden. Aber was ist das eigentlich, Kapitalismus? Nicht alle, die darüber diskutieren, wissen, wovon sie reden.


Von jetzt auf gleich

Von Julia Groth

Nach einem Blick auf Caprice Cranes Roman Von jetzt auf gleich (Fischer) weiß man sofort, wo er im Regal steht: Unter dem Schild mit der Aufschrift „Frauenbücher“. Die Story: Die 25-jährige Jordan ist so angenervt von ihrem Leben, dass sie eine Amnesie simuliert.


Autonome Nationalisten

Von Julia Groth

Die so genannten Autonomen NationalistInnen, also Neonazis, die das Auftreten linker Autonomer kopieren, sind kein allzu neues Phänomen mehr. Das Büchlein ‚Autonome Nationalisten’. Die Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur, herausgegeben von Jürgen Peters und Christoph Schulze, kommt also eigentlich etwas spät. Überflüssig ist es dennoch nicht. Denn der Überblick, den insgesamt sieben Journalisten, Politikwissenschaftler und Sozialpädagogen über die Szene der Autonomen NationalistInnen bieten, ist umfassend, spannend und zeugt von viel Ahnung. Kein Wunder: Die Autoren beschäftigen sich regelmäßig mit dem Thema extreme Rechte, mehrere von ihnen schreiben für die antifaschistische Zeitung Lotta.


Faust als Comic-Strip

Von Julia Groth

Für leidenschaftliche LiteraturwissenschaftlerInnen hat der Verlag Egmont Ehapa zurzeit einen Comic im Angebot, der sich ebenso gut als Weihnachtsgeschenk wie als Partyspiel eignet. In der Neuauflage des Bandes 100 Meisterwerke der Weltliteratur stellen 100 ZeichnerInnen auf jeweils einer Seite die Handlung eines Literaturklassikers in Comicform dar. Genauer gesagt als Bildergeschichte, denn Sprechblasentext gibt es nicht. Weil man meist nicht versteht, was die Zeichnungen sagen sollen, selbst wenn man das betreffende Buch kennt, eignet sich der Comic auch hervorragend als Ratespiel für Literatur-Nerds.


Müll ist Ware plus Zeit

Flaschko 3: Die Müllsekte: Müllfetisch für Comic-BeginnerInnen. Von Carolin Wedekind

Für EinsteigerInnen in das Comic-Epos Flaschko, der Mann in der Heizdecke stellt Nicolas Mahler auch dem finalen dritten Band wieder eine hilfreiche Grafik des Flaschko-Universums voran. Denn Flaschkos überschaubare Welt aus Heizdecke, Mutter und Fernseher hat einen neuen Akteur bekommen: den Müllsack.


Scheitern auf Algerisch

Von Hanna-Lisa Hauge

Der algerische Schritsteller und Dramaturg Aziz Chouaki erzählt in seinem dritten Roman Stern von Algier von Méziane, der mit seiner vierzehnköpfigen Familie in drei Zimmern lebt und zu Moussa Massy, dem Star der Diskotheken von Algier wird.


Wütend, aber hilflos

Von Julia Groth

Der Kölner Publizist Werner Rügemer macht seit einiger Zeit vor allem mit antisemitischen Äußerungen auf sich aufmerksam. Keine gute Voraussetzung, um sein neues Buch ArbeitsUnrecht. Anklagen und Alternativen unvoreingenommen zu beurteilen – zumal, wenn er darin von »Wucherzinsen« schreibt, die schlimmer seien als »zu den grausamsten Zeiten des Alten Testaments«. Neben dem betreffenden Text finden sich in diesem Buch allerdings, abgesehen vom Vorwort, nur Texte anderer AutorInnen – auch Rügemer-KritikerInnen könnten es also wagen, einen Blick hinein zu werfen.


Auf ein Bier und ne Kippe

Die Bude: Fotos von Ruhrpott-Kiosken zeigen den Charme des Potts. Von Julia Groth

Es gibt viele schöne Ecken in Deutschland. Das Ruhrgebiet gehört eher nicht dazu. Stillgelegte Zechen, der Untergrund ein Schweizer Käse, an der Oberfläche viele Neonazis, graue Betonbauten und der Fußballverein Rot-Weiß Essen. Dass der Pott als neue Brutstätte von Kunst und Design etabliert werden soll, lässt, wenn man einmal durch die Gelsenkirchener Innenstadt spaziert ist, die Augenbrauen hochschnellen. Die Region hat allerdings ein ureigenes Kulturphänomen, das es viel eher als hippe neue Designwerkstätten verdient hat, gewürdigt zu werden: die Trinkhalle. Auch Kiosk genannt, Büdchen oder Bude. Fast 20000 von ihnen soll es im Ruhrpott geben. Ein Glück, dass sich die Fotografin Brigitte Kraemer in ihrem Bildband Die Bude diesen lange vernachlässigten Kulturorten annimmt.


Mal dir deine eigene Welt

Von wegen Kinderkram: Auch für Erwachsene gibt es Malbücher. Für alle, die sich in Vorlesungen langweilen oder für Street Art nicht den Arsch in der Hose haben. Von Carolin Wedekind

Wem der weihnachtliche Familienbesuch mit elterlicher Fürsorge und Geschwisterzoff noch nicht genug Kindheits-Flashback ist, könnte vielleicht Interesse an einem Malbuch haben. Davon gibt es erstaunlich viele für Erwachsene. Von den Kinderbüchern unterscheiden sie sich meist durch anspruchsvollere Motive wie historische Gebäude oder berühmte Gemälde. Recht verbreitet sind die so genannten Mal-Atlanten, die sich unter anderem an Medizinstudierende richten. »Selbst ausgemalt ist halb gelernt«, denkt sich vermutlich der Verlag und bietet Anatomie-Paukenden eine Mischung aus Lehrbuch und Spielerei.


Titanic. Das endgültige Satirebuch

Gnadenlos witzig. Von Julia Groth

Sie schaffen es einfach immer wieder, zu provozieren. Kurz nach dem Selbstmord des Torwarts Robert Enke stellten Redakteure der Satirezeitschrift Titanic ein Bild auf ihre Homepage, aufgemacht wie der Titel der Bild-Zeitung, auf dem ein Zugführer verkündet: »Ich habe Enke überlistet!« Nachdem offenbar mehrere SeitenbesucherInnen ihr Missfallen kundgetan hatten, folgte die Nachricht: »Die Redaktion TITANIC bedauert aufrichtig die unentschuldbare Entgleisung im jüngsten Startcartoon, möchte aber darauf hinweisen, daß eine Entgleisung das einzige gewesen wäre, was Robert Enke noch hätte helfen können.«


Affentheater

Wir gucken ja nur. Von Carolin Wedekind

Zunächst ahnen die LeserInnen des Comics nichts Böses: Ein kleiner Junge hat seine besten Klamotten angezogen und soll im Fotostudio abgelichtet werden. Während einer der beiden Fotografen noch letzte Korrekturen an dem Jungen vornimmt, Frisur und Textilien zurechtrückt, verliert der zweite Fotograf die Geduld und fängt an, den Jungen homophob zu beschimpfen.


Eines Tages werde ich alles erzählen

Von Julia Groth

Boxen kann politisch sein, und das nicht nur, wenn es um den ehemaligen Vorzeigeboxer der Nazis Max Schmeling geht. Das macht das Buch Eines Tages werde ich alles erzählen (Die Werkstatt) von Alan Scott Haft überdeutlich.


Goodbye Mr. Socialism

Von Julia Groth

66 Jahre ist der italienische Politikwissenschaftler und Neomarxist mittlerweile alt, und immer noch streitbar. Das demonstriert er in seinem neuen Buch Goodbye Mr. Socialism (Edition Tiamat). Das Buch ist ein Streitgespräch zwischen ihm und dem Historiker Raf Valvola Scelsi über Entwicklung und Zustand der Linken.


Banlieues

»Ich bin wütend und werde es bleiben«. Von Hanna-Lisa Hauge

Im Herbst vor vier Jahren brannten in den Pariser Vororten jede Nacht hunderte Autos. Der Auslöser für die wochenlangen Revolten war der Tod zweier Jugendlicher, die sich auf der Flucht vor der Polizei in einem Trafo-Häuschen versteckt und einen tödlichen Stromschlag bekommen hatten. Die Null-Toleranz Politik des damaligen Innenministers und heutigen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy und sein Kommentar, er wolle die Vorstädte »von dem Gesindel reinigen«, verschärften die Situation noch. Wie man an der Heftigkeit der Ausschreitungen und an ihrem Übergreifen auf andere französische Städte sehen konnte, sind Frustration und Wut der Menschen in den Banlieues groß.


Echt! Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet

Pottpourri der Popkultur. Von Carolin Wedekind

Beim Wort Ruhrgebiet denken vermutlich nur wenige an blühendes Nachtleben und geistreiche Kreative. Sondern eher an eine Wucherung dreckiger Städte, die von Schimanskis bewohnt werden. Wider dem Klischee vereinen in Echt! Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet die Herausgeber Johannes Springer, Christian Steinbrink und Christian Werthschulte Überlegungen zahlreicher AutorInnen zu der Frage, wie es denn in der Kulturhauptstadt 2010 um den Pop steht. Mit anekdotenhaften, essayistischen und wissenschaftlichen Beiträgen ist die Anthologie sehr abwechslungsreich geraten.


Gemachte Differenz

Von Nambowa Mugalu

Es gibt Trends, die, so schrecklich sie auch sind, einfach nicht abreißen. Auch in der Wissenschaft. Gemachte Differenzen befasst sich mit dem tot geglaubten Konzept der Rasse und seinen Entwicklungslinien von der Kolonialzeit bis heute.


Rotkäppchen

Von Julia Groth

Irgendwie sind sie ja schon ein bisschen anzüglich, die Märchen der Brüder Grimm. Das nahm der Zeichner Mart Klein zum Anlass, den Originaltext von Rotkäppchen mit expliziten Bildern zu illustrieren.


Drei Schatten

Loslassen lernen. Von Julia Groth

Der Comic Drei Schatten des Spaniers Cyril Pedrosa mag auf den ersten Blick aussehen wie Fantasy. Auf den zweiten Blick ist das Buch jedoch viel mehr: Familientragödie, Abenteuergeschichte und Lehrstück über Trauerarbeit. Pedrosa verwebt so viele Elemente miteinander, dass man meinen sollte, sie könnten sich nicht zu einem einzigen Comic zusammenfügen lassen, zumal sich auch der Zeichenstil entsprechend wandelt. Können sie aber doch.


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